Wir schreiben einen Schlager

Als Weihnachtsgruß 2018 haben wir einen Schlager produziert. Das “Warum” ist schnell erklärt: Wie so oft wollten wir wissen, wie weit wir mit einer etwas gewagteren Idee gehen können - und wie immer hat uns niemand aufgehalten. Den Weg zum fertigen Lied möchte ich in den folgenden Zeilen beschreiben.

Ausgangslage

Vorab: Ich bin kein Profimusiker und auch zum Zeitpunkt der Produktion mit der Software noch kaum vertraut; das hört man dem Endprodukt auch an. Die mir bis dato völlig fremde Welt des Schlagers hat mich auf irgendeine Art und Weise schon seit Jahren gleichermaßen verwundert wie fasziniert. Nachdem die Idee dazu im Rahmen unseres jährlichen Weihnachtsgrußes aufkommt, nutze ich diese Gelegenheit, um in die magische Welt des Schlagers einzutauchen.

Recherche

Ich möchte anhand von bestehenden Liedern herausfinden, wie ein Schlager aufgebaut ist, welche Instrumente verwendet werden, worauf es beim Text ankommt usw. Also entscheide ich mich für drei Schlager und versuche, ein allgemein gültiges Rezept oder zumindest einen roten Faden zu entdecken.
Meine Wahl fällt auf:
Nik P. - Geboren, um dich zu lieben
Nockalm Quintett - Du warst der geilste Fehler meines Lebens
Michelle - In 80 Küssen um die Welt
Schon beim ersten Durchhören erkenne ich ein Muster, dem die Schlager folgen: Fast alle Lieder dieses Genres sind im klassischen 4/4-Takt gehalten und verwenden drei bis max. vier Akkorde, auf denen die gesamte Melodie aufbaut. Die “Bausteine” von Schlagern scheinen meist wie folgt: Intro - Strophe - Bridge - Refrain.
Diese Elemente werden beliebig oft wiederholt und untereinander ausgetauscht.

Nun werfe ich einen genaueren Blick auf die drei Beispiellieder. Ich schnappe mir meine Gitarre und höre mir die Akkorde heraus.

Geboren, um dich zu lieben:
Intro C - G / Strophe C - G - A - F / Refrain C - G - A - F
Du warst der geilste Fehler meines Lebens:
Intro A - A / Strophe A - E - D - A/E / Bridge F# - C# - D - A/E / Refrain A - E - C# - D# - A - F# - H - E
In 80 Küssen um die Welt:
Intro A - H - E - H / Strophe A - H - E - A/E / Bridge F# - H - E - A / Refrain A - H - E - A/E

Gut, das reicht mir soweit als Grundlage für die nächsten Arbeitsschritte. Jetzt erstmal eine Tasse Kaffee und eine Runde Razor für die dringend nötige Gehirnspülung, bevor es weitergeht.

Konzept

Ich verschaffe mir auf Papier eine Übersicht des geplanten Liedes und ergänze sie mit Anmerkungen, Ideen, verwendeten Instrumenten, Timing etc. Um bald zur Strophe zu kommen, entscheide ich mich für ein kurzes Intro.
Ein schneller sphärischer Aufbau, danach das Intro, das die Grundmelodie festlegt, dann Einstieg in die Strophe, die über eine von der Grundmelodie abweichende Bridge zum Refrain führt. Eine romantische Gitarre soll den Zuhörern die Überleitung in die Strophen erleichtern.

 

Voller Wucht und Leidenschaft setzt der Refrain ein, der das Hauptanliegen des Sängers präsentiert. Meistens geht es um Liebe, Herz, Schmerz, du und ich, fliegen über den Wolken, die ganze Nacht, Gefühle, Romantik, glaub an dich, bei dir ist’s am schönsten, ich gehe nie wieder fort, halt mich fest etc. Manchmal ist der Text auch etwas frivol (Nockalm Quintett - “zieh’ dich an und geh”), da wir aber einen besinnlichen Weihnachtsschlager für die ganze Familie schreiben wollen, wird vorerst auf solche Floskeln verzichtet.

So, genug der Theorie. Auf geht’s!

Als Software meines Vertrauens dient dabei das von mir kürzlich kennengelernte Ableton Live.
Gestartet wird mit dem Schlagzeug und dem Bass, damit sollte das Fundament des Songs stehen. Als ersten Schritt programmiere ich die Drums ein - erst die Kick und die Snare, danach die Hi-Hat, die Becken und natürlich die Weihnachtsglocken und andere stimmige Percussion-Elemente.
Eine Melodie, bestehend aus vier Akkorden, ist überraschend leicht gefunden. Ich entscheide mich für C - Dm - G - C und spiele zwei Gitarrenspuren ein.
Für die Keyboard- und Synthietracks brauche ich noch eine Stunde, danach verbringe ich noch zwei weitere mit Finetuning und zusätzlichen Soundebenen, um das Lied zu verdichten und aufzuwerten.


Das einprogrammierte Schlagzeug,

... der Bass und die Gitarren. Es wird!

Voilà, nach zwölf Stunden ist sie vollendet, die Instrumental-Version unseres Schlagers, und sie klingt ja gar nicht mal so schlecht!
Es überrascht mich selbst, wie schnell ich damit fertig wurde - aber was soll’s, so bleibt mehr Zeit für den

Text

Die Melodie für den Gesang zu finden, wird wahrscheinlich eine Herausforderung. Dachte ich mir. Bereits nach fünf Minuten ist sie (vorerst gesummt) aufgenommen und fertig. Auf zu den Lyrics! Ich setze mich mit Ben zusammen und gemeinsam fangen wir an, uns eine Wordcloud aus möglichen Schlagerfloskeln, die uns in den Sinn kommen, zu basteln.

Wir wollen natürlich über eine romantische Liebesbeziehung erzählen und dabei den Text sogar dramaturgisch aufbauen: Im ersten Teil sehnt sich der Protagonist nach seiner großen Liebe, die noch nicht bei ihm ist. Teil zwei beschreibt die Glückseligkeit zu zweit.
Wir beginnen, den Text in Form zu bringen, Reimwörter und den richtigen Rhythmus und das passende Timing zu finden. Dafür singen wir den Text vorerst mal nur mit “la” “lu” und “li” ein.


Wordcloud à la Schlagertext

La lu li lö - das geht ins Ohr!

Letztendlich gelingt es uns, einen tatsächlich gut funktionierenden Text auf Papier zu bringen. Wir sind zufrieden!

Es folgt der Teil der Produktion, vor dem ich ich ehrlich gesagt schon etwas gefürchtet habe - das Einsingen. Nach einer guten Stunde vor dem Mikrofon ist uns klar: Sänger sind wir nicht. Wir geben trotzdem unser Bestes, denn wichtig ist schließlich nur eines: Es muss von Herzen kommen.

Zu guter Letzt versuche ich nun, völlig unerfahren auf dem Gebiet des Masterings, das Ganze nach Gehör und mit ständigem Blick auf den Lautstärkepegel ins Gleichgewicht zu bringen.
Nach guten zwei Stunden abmischen und exportieren ist er fertig: Unser eigener, romantischer Weihnachtsschlager! In nicht einmal 24 Arbeitsstunden von der ersten Idee bis zum Youtube-Upload produziert. Wenn Schlagerproduzenten tatsächlich so viel verdienen wie es ihr Ruf vermuten lässt, muss das ein ordentlicher Stundenlohn sein :)

Wir präsentieren stolz in voller Länge: SOKO Sehnsucht mit “Nur du (zur Weihnachtszeit)”!

(Gernot Stefl)